offener Brief Wolfschutz

Unsere Position zum Schutz des Wolfes

Am 28.10. hat unser Vorsitzender an einer Petition zum Thema Wolfschutz der NABU teilgenommen. Daraufhin erhielt er umgehend eine Email des Bundestagsabgeordneten Fritz Güntzler – CDU  (Brief download hier.) Seine Antwort darauf ist folgende: 

Sehr geehrter Herr Güntzler,
herzlichen Dank für Ihre Reaktion auf die Petition zum Umgang mit Wölfen. Ich lese jedoch heraus, dass sie eigentlich grundsätzlich gegen den Schutz von Wölfen sind.

Leider handelt sich Ihr Schreiben um eine Art Serienbrief, der vielfach auf diese Petition von den jeweiligen Abgeordneten verschickt wird. Bei allem Verständnis dafür, dass Ihre Zeit knapp und kostbar ist, wünschte ich mir, dass Sie einen ernst gemeinten Diskurs mit den Bürgerinnen und Bürger suchen würden und nicht mit einem Serienbrief voller Allgemeinplätzen und Bedrohungsszenarien reagierten. Das ruft in mir kein Verständnis hervor für Ihre Positionen. Ich werde im Gegenteil nicht das Gefühl los, dass Sie eher die Argumente einer kleinen Bevölkerungsgruppe wiederholen, als sich konstruktiv mit den Tatsachen auseinanderzusetzen. Und in Zeiten der Polemik seitens der Rattenfänger aus der AFD, ist ein ehrlich gemeinter Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürger umso wichtiger. Womöglich werden Sie sagen, ich unterstelle hier etwas, aber diese Briefe mit dem gleichen Inhalt und Satzbau habe ich in letzter Zeit mehrfach zu lesen bekommen. Aber der Reihe nach, gerne versuche ich auf einige Punkte in Ihrem Schreiben einzugehen.

Dem Wolf sein „Maß“ vorzuschreiben, zeugt von Ihrem wirklichen Verständnis für dieses komplexe Thema. Der Nabu Niedersachsen schätzt die Zahl der Wölfe in Niedersachsen auf 200 Tiere (23 Wolfsrudel (8-10 Tiere) und 2 Wolfspaare. Dr. Holger Buschmann vom NABU Niedersachsen plädiert dafür, mit sauberen Zahlen zur Wolfpopulation zu hantieren und gemeinsam eine Lösung für ein konfliktarmes Zusammenleben mit dem Wolf zu suchen. Leider zeichnen Sie in Ihrem Brief ein Bild der Bedrohung durch Wölfe. Es ist in Deutschland durch den Wolf kein Mensch angefallen oder umgekommen. Das können Sie doch bestätigen?

Im Rahmen der durch das niedersächsischen Wolfsmanagement dokumentierten „Nutztierschäden“ wurden bis 14.10.2019 für das Jahr 2019: 1047 Weidetiere gezählt. Davon entfielen nachweislich 53 % (555) auf den Wolf, 16 % (167) dieser Schäden könnten vom Wolf kommen, sind aber nicht nachgewiesen. Nachweisbar nicht dem Wolf anzulasten sind 19% (199) der „Nutztierschäden“ und bei 4 % (42) der Schäden konnte keine Beurteilung erfolgen. In Bearbeitung sind derzeit 8 % (84) der gemeldeten Risse. (Quelle: https://www.wolfsmonitoring.com/monitoring/nutztierrisse/

Meiner Ansicht nach können wir nur die nachgewiesenen Risse von 554 Tiere den Wölfen anrechnen.

Aber gehen wir einen Schritt weiter: Ein Wolf benötigt ca. 2-4 kg Fleisch (das sind 10-21% des Körpergewichts) am Tag. Hochgerechnet verspeist ein Wolf ca. 60 Rehe und 16 Rothirsche im Jahr. Wenn wir von 76 Rehe und Hirsche sprechen und diese mit 200 Wölfe multiplizieren, kommen wir auf 14.646 vom Wolf erlegte Tiere. (Quelle: http://mythos-wolf.de/nahrung/)

Das hört sich nach einer stattlichen Zahl an. Aber das lässt mich zu der niedersächsischen Jägerschaft kommen. Wie viele Tiere werden denn in Niedersachsen durch die Jagd getötet?

Der Landesjagdbericht 2018/2019 (Quelle: https://www.natuerlich-jagd.de/kommentare/niedersachsen-landesjagdbericht-2018-2019-veroeffentlicht.html) verzeichnet bei den „Jagdstrecken“; also den „Leichenstraßen“ an Schwarzwild, Muffel- und Damwild eine sinkende Zahl, bei Reh- und Rotwild aber eine leichte Zunahme – trotz des übergroß gezeichneten Jagdkonkurrenten Wolf.

Ich möchte diesen Sachverhalt aber genau aufzeigen, deswegen hier eine kleine Übersicht über die „Wildstrecken“ und zum Vergleich nenne ich auch das Fallwild, (Tiere,  die ohne Gewalteinwirkung eines Jägers zu Tode kommen, z.B. durch Krankheit, Hunger, Kälte oder dem Verkehr auf unseren Straßen):.

Rehwild erlegt:                 100.663 Tiere – Fallwild: 28.188
Damwild erlegt:                  10.224 Tiere – Fallwild: 1261
Rotwild erlegt:                      6.633 Tiere – Fallwild: 395
Schwarzwild erlegt:          53.356 Tiere – Fallwild: 2386
Haarwild erlegt:               191.353 Tiere (Feldhasen, Füchse usw.)
Muffelwild erlegt:                   251 Tiere – Fallwild: 27
Federwild:                          341.468 Tiere – Fallwild – 9.671 Tiere.
Unter dem geschossenen Federwild befinden sich auch 90.956 Rabenkrähen und 20.915 Elstern.

Das macht die stattliche Zahl von 703.948 Wildtieren in Niedersachsen. Dagegen stehen die vom Wolf erjagten 14.646 Tiere (inkl. 554 Weide-Nutztiere). Das ergibt für den Wolf einen prozentualen Wert von 2,08 % der von der Jägerschaft erlegten Tiere.

Was folgern wir daraus? Dass der Wolf nicht in unsere Kulturlandschaft passt? Es gibt bisher keinerlei Gefährdungen durch den Wolf. Es kommen aber mehr Menschen durch die Jägerschaft zu Schaden, was eine Auflistung aus dem Jahr 2018 belegt. Dort erschießen oder verletzen sich entweder die Jäger untereinander oder Sie treffen bei der Ausübung ihres Hobbys Fußgänger oder spielende Kinder. Eine genaue Auflistung finden Sie unter https://www.peta.de/jagdunfaelle.

Wenn ich die Zahlen vergleiche, erhalte ich den Eindruck, dass nicht eine Gefahr für die Allgemeinheit beseitigt, sondern ein vermeintlicher Jagdkonkurrent ausgeschaltet werden soll. Und als Gefahr für die Allgemeinheit und ganz besondere für die Natur stellt sich mir der Jäger als größerer Schadensverursacher dar als jedes gemeine Wildtier.

Sie schreiben von Wölfen, die durch niedersächsische Dörfer streifen. Bitte teilen Sie mir die Fakten darüber mit. Wenn sich überhaupt ein wolfsähnliches Tier „herumtreibt“, dann sind dies menschengemachte Hybriden aus illegalen Züchtungen, wahrscheinlich aus Osteuropa. Diese „Wolfshunde“ werden gerne von Leuten gehalten, die relativ schnell feststellen, dass diese Tiere in keiner Hinsicht etwas mit unseren Haustieren zu tun haben und diese dann „auswildern“. Dagegen sollten Sie endlich vorgehen.

Und jetzt noch zu den Weidetierhaltungen. Im Regelfall sind es die Schäfer, welche schon von Grund auf Existenzsorgen haben. Denn die Bundes- oder Landesregierung unterstützt lieber die Großbauern beim Übergüllen ihrer Äcker und beim Vergiften unseres Grundwassers, als den Schäfern zu helfen. Dass Weidetierhalter auf wenig ertragreichen Böden derzeit noch einen eminent wichtigen Beitrag zur Biodiversität durch die Offenhaltung und Pflege von altem Dauergrünland leisten, nehmen Sie endlich zur Kenntnis. Aber vor dem Hintergrund von hunderten von Millionen Euros an Subventionen für die großen Betriebe in der Landwirtschaft nennen Sie 1,05 Millionen Euro einen Erfolg für die Weidetierhalter? Dass auch die Gesamtheit aller Aspekte der Weidetierhaltung überdacht werden müsste, wäre mir ein wichtiges Thema, soll jedoch nicht Gegenstand meiner heutigen Antwort an Sie sein.

Trotzdem ist auffällig, dass Wölfe in der Regel immer die teuren Mutterschafe mit der wertvollsten Blutlinie reißen, damit der staatliche Ersatzbeitrag höher wird als für ein älteres Schaf, welches vielleicht nur noch ein paar Euro dem Schäfer einbringen. Ich unterstelle das natürlich nur, dennoch vermitteln Medienberichte mir diesen Eindruck.

Mit guten Elektrozäunen aus modernem Material in Verbindung mit inzwischen recht preiswerter Solartechnik zur Stromversorgung gelingt es zumindest das Schwarzwild von den Weiden fernzuhalten. Ein Zaun, den ein ausgewachsenes Wildschwein weder unterwühlt noch überspringt, hält nach einhelliger wildbiologischer Auffassung jeden Wolf ab (Info aus einem offenen Brief an den deutschen Bauernverband von H.M. Pilartz)

Den Wolf jedoch als eine Gefahr für die Deichsicherheit darzustellen, scheint mir sehr weit hergeholt. Mit dem platten Vergleich: „Wolf = Hochwassergefahr / ohne Wolf = Sicherheit für alle“ verteufeln Sie ein Lebewesen und schüren Ängste wie im Mittelalter.

Noch ein Zusatz zum Thema Muffelwild, dem Sie einen Teil Ihres Briefes widmen. Das „Muffelwild“ ist ein in Korsika und Sardinien beheimatetes Wildschafart. Es wurde Anfang des 1900 in Deutschland ausgesetzt und diente ausschließlich der Trophäenjagd. In ihrer Heimat flüchten diese Wildschafe auf Felsen und Klippen vor den Beutegreifern. Hier sind sie – wenn nicht ausreichend geschützt – dem Wolf chancenlos ausgeliefert. Laut Landesjagdbericht beklagen die Jäger, dass sie nur noch 251 Tiere haben schießen können. Es wird den Tieren am Ende egal sein, ob der Wolf oder der Jäger sie tötet. Tot bleibt am Ende immer tot.

Im bayrischen Wald wächst die Population des Luchses nicht weiter an. Laut Naturschützern liegt es an der Wilderei auf diese bedrohte Art. Ein Jäger wurde vor einigen Wochen das erste Mal vor Gericht gestellt. Er hatte in selbstgebauten Totfallen diese geschützten Tiere erlegt. Er wurde mit einer Geldstrafe von 3000,00 Euro belegt und verlor seinen Jagdschein. Es gibt Stimmen, die nennen es schon einen Erfolg, dass diese Verhandlung überhaupt stattgefunden hat. Für mich ist es dagegen ein Bildnis dessen, was im Moment anscheinend noch unter Artenschutz verstanden wird: Die Privilegierung der eigenen Art Mensch, der es zulasten anderer Arten gestattet ist, noch regelrechte Perversionen auszuleben.

Wenn wir nicht anfangen an einem ernsthaften Natur- und Artenschutz zu arbeiten und uns als Mensch in der Betrachtung und Relation dabei zurücknehmen, brauchen wir nicht weiter auf CO2-Neutralität z.B. durch verbesserte Technologien zu hoffen. Wertschätzung für einen eigenen maßvollen Lebensstil und Wertschätzung für alles Leben hängen damit zusammen, Freude und wirklichen Willen zum Erhalt unseres Planeten zu entwickeln.

Bitte überdenken Sie Ihre Position, denn ein Wildtier muss nicht „Maßhalten“, sondern wir Menschen müssen Wege suchen, Lösungen für ein konfliktarmes Zusammenleben zu finden. Ich sehe die Menschen in der Pflicht, denn wir verdichten den Boden, bejagen die Tiere, zerstören unsere Mitwelt und nehmen keine Rücksicht auf unsere Mitgeschöpfe. Wir Menschen müssen endlich lernen „Maß zu halten“.

Lassen Sie uns gemeinsam am Schutz der Natur und aller Lebewesen arbeiten, oder so wie es Ihre Kirche gerne sagt, endlich für die „Bewahrung der Schöpfung“ einstehen. Dazu gehören auch die Wölfe, und aus diesem Grund habe ich diese und ähnliche Petitionen unterschrieben und weiterverbreitet.

Gerne können wir uns weiterhin austauschen und stehe Ihnen für Rückfragen zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
Holger Pangritz
Vorsitzender vegan4future e.V.

P.S. nach langem Überlegen habe ich beschlossen, meine Antwort auf Ihren Brief öffentlich zu machen. Denn nur durch eine öffentliche Diskussion und einer Aufklärung der tatsächlichen Fakten, können wir den richtigen Weg finden.